Einmal in die Welt und zurück

Sonntag, 19.März 2017, 07:04 Uhr
In diesem Jahr, so wünschen es sich die großen Organisatoren des Reformationsjubiläums, soll nach Wittenberg zurückkommen, was in die Welt hinausgegangen ist. Die Vorstellung ist verlockend!

Vieles ist ja geblieben und hat guten Boden gefunden. -Ein Menschenbild ist in Europa entstanden, welches von dem christlichen Freiheitsbegriff maßgeblich beeinflusst wurde. Eigenverantwortlichkeit, Gewissensentscheidung des Einzelnen, Bildung und Sprache, Menschenrechte und Demokratie sind Früchte aus der Reformation, die der Zivilgesellschaft noch heute herrlich munden, oder? Wir sollten sie gut vor Pilzbefall schützen!

"... überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes.... Gott helfe mir. Amen.", so steht der große Reformator Martin Luther 1521 in Worms vor den Autoritäten seiner Zeit. Luther, ein Gewissensmensch, aber auch, neben allen seinen Erkenntnissen, ein Kind seiner Zeit. Kirche hat gelernt, sieht die Breite der Reformation und schaut auch kritisch auf Luther zurück. So distanziert sich die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland auf ihrer Synode 2016 von dem Antisemitismus Luthers.

500 Jahre Reformation und Humanismus bedeuten für mich auch, Individualisierung, Entkirchlichung, Säkularisierung als europäisches Phänomen. Im "Hier stehe ich, ich kann nicht anders", liegt auch die Gefahr der Selbstaushungerung, eines Nichtzulassens der Gedanken, die man nicht selbst gedacht hat.

So möge aus der Welt nach Wittenberg zurückkommen, ein gerüttelt Maß an Vielfalt, Offenheit und Alltagstauglichkeit des Glaubens, der sich nicht in Beliebigkeit verliert, sondern hilft, im Vertrauen auf Gott und in Versöhnung und Frieden mit sich und seinen Mitmenschen zu leben. Freude an der Schrift, die um so mehr duftet, so einst Luther, "je mehr man sie gleich einem Kräutlein reibt" und die Hoffnung auf Gottes Erlösungswerk, die die "lieben Christen g’mein fröhlich springen und mit Lust und Liebe singen lässt!"(Luther, EG 341)

Pfarrerin Sabine Wegner


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